andere Kreative

Helmut M. Schmitt-Siegel, Gestalter

Der Gestalter Helmut M. Schmitt-Siegel bringt stolze 50 Jahre Arbeitserfahrung mit zum Interview und gibt zu, dass manchmal auch ein bisschen Glück im Spiel war bei seiner Karriere.

Also ich bin Helmut Schmitt-Siegel. Ich wohne zur Zeit in Düsseldorf. Nicht mehr lange, dann reicht mir das hier. Dann ziehe ich etwas südlicher. Ich habe etwa fast 50 Jahre als Kommunikationsdesigner gewirkt. Davon die Hälfte der Zeit, also 25 Jahre, auch in der Lehre. Zuletzt an der Designschule in Bielefeld, aber auch in verschiedenen Schulen im Ausland. Und bin seit frühesten Kindheitsjahren ein leidenschaftlicher Gestalter. Ich bin emeritiert als Professor. Ich mache in dem Sinn kein aktives Design mehr, also mein Büro ist dicht. Ich hab Zeit für Dinge, die mir wichtig sind. Also ich coache gerne, ich berate viel, ich mach viele ehrenamtliche Aufgaben. Und vor allen Dingen: Ich hab ja noch eine minderjährige Tochter. Das ist auch fast ein Hauptberuf: Papa.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Erlebnis mit Design?
Mit sieben bekam ich meinen ersten Fotoapparat, eine Agfa Clack. Ich weiß nicht, ob das jemand überhaupt noch kennt. Eine 6x9cm Rollfilmkamera und habe damit heftig fotografiert und hatte das große Glück einen der größten Meister der Fotografie als Lehrmeister zu haben, nämlich August Sander, der ein Freund meines Onkels in Köln war. Und wenn ich meinen Onkel in Köln besuchte, hab ich Sander dann immer Aufnahmen gezeigt.

An dem Ort ist auch schon die erste wichtige Begegnung. Ich weiß genau, da war ich zwölf, da machte die Hochschule für Gestaltung in Ulm auf. Und es war eine große Titelgeschichte auf der ersten Seite von Werk und Zeit. Das war die Zeitschrift oder ist noch die Zeitschrift des Deutschen Werkbundes. Und mein Onkel war eine führende Persönlichkeit im Deutschen Werkbund. Der legte mir eines Morgens, als ich da zu Besuch war in Köln, diese Werk und Zeit auf’s Bett. Da sagte er: “Jung, da jehste mir mal hin.” Mein Onkel kannte sehr gut den damaligen Designchef der Lufthansa, den Conrad, und hat da angerufen: “Ja, ich schick ihnen gleich mal meinen Neffen vorbei.” Dann bin ich da hingegangen, hab dem Fotos gezeigt. Der sagte: “Wunderbar. Brauch nicht lang noch weiter Praktika zu machen. Ich ruf mal eben den Aicher an.” Und während ich da saß, rief er den Aicher an: “Otl, hier hab ich einen zukunftsträchtigen jungen Mann sitzen. Den schick ich dir mal vorbei.”

Einen Tag später bin ich nach Ulm gefahren und hab dem Aicher meine selben Bilder präsentiert und war aufgenommen, was damals sehr schwierig war, weil der Aufnahmeprozess sehr lang war, aber… Ja. War drin. So, damit ist eigentlich die wichtigste Vorgeschichte meiner Gestalter-Karriere erzählt.

Was war Ihr erstes Design?
Da studierte ich noch in Ulm. Da gabs am Tegernsee in Bad Wiessee einen Think Tank von McCann Erickson. Da haben die so fünf top Leute hingestellt und ich war da zufällig, weil da eine Freundin auch da am See war und die kannte jemanden, der da mitmachte. Waren fünf Cracks aus der Werbeszene und die haben direkt, ja denen habe Arbeiten gezeigt, die ich in Ulm gemacht habe. Gar nix großartiges, also so Trimester-Arbeiten. Das fanden die ganz toll.

Ja und dann hat darüber ein Unternehmensberater mich kennengelernt. Und der hat das Management Center Europe in Brüssel, das war das erste Management Training Center in Europa, beraten. Ich hab dem so vorgeschwärmt, was visuelle Erscheinungsbilder sind, also was man heute Corporate Design nennt. Ja, fand der sehr überzeugend und ich kriegte den Auftrag. Also, weiß ich nicht, heute umgerechnet ein Honorarvolumen von über einer Millionen. Ohne fertig studiert zu haben.

Gibt es beruflich etwas, an dem Sie fast verzweifelt wären?
Mir ging’s immer von Innen her. Also Corporate Design als Management-Tool, als Management-Instrument zu entwickeln. Und hatte ja eine sehr interessante Methode, wie ich die in diesem Prozess der Veränderung oder des Aufbaus neuer Unternehmenskulturen, Mitarbeiter mit einbeziehe. Ja und dann sind die eine Zeit lang mitgezogen, fanden alles grün und dann merkten sie, dass es ernst wurde. Nämlich ernst in dem Sinne, dass es letztlich nur funktioniert, wenn sie mitmachen, wenn sie sich auch ändern in ihrer Einstellung. Und dann war Ende. Flog ich raus oder… Also mein Verständnis war auch immer so, dass ich als Designer eigentlich mehr Unternehmensberater bin, Coach und so weiter und Trainer und Design eigentlich ein wunderbares Tool ist, um Prozesse zu begleiten.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Das ist ein unglaublicher Prozess. Das ist natürlich eine Mischung aus sehr viel Aufnehmen, sehr viel Lesen, sehr viel Reisen, sehr viel Neuem sich aussetzen. Das ist das Eine.

Das Andere ist die, Gott sei Dank, sehr frühe Erkenntnis, dass man nur wirklich kreativ sein kann, wenn man befreit ist. Nur eine befreite Seele hat die Kraft und den Mut Experimente zu machen.

Und gutes Design ist immer ein Risiko, ist immer Experiment, ist Forschung. Es ist Trial and Error. 

Ein paar Worte an angehende Designer: 
Seid wach, seid beweglich, lasst euch nicht kleinkriegen. Und so schwierig das auch ist: Einen geraden Weg gehen, geht nur einen geraden Weg. Den bitte gehen. Ich hab meinen Studenten immer gesagt: “Ihr habt zwei Möglichkeiten. Entweder reich werden oder gut schlafen können.” “Ich hab mich”, hab ich dann gesagt, “ich hab mich für gut schlafen entschieden.”

Web: www.schmitt-siegel.de