Erik Spiekermann, Gestalter

Erik Spiekermann ist eine Koryphäe wenn es um Typographie wie im Graphikdesign geht. Keenly Preesents spricht mit ihm unter anderem darüber, dass neben guter Arbeit auch Netzwerken den Erfolg ausmacht – und hier gilt, dass man alle Leute ordentlich behandeln sollte und sich das früher oder später auszahlt. Hier gibt’s das komplette Interview mit Erik Spiekermann!

Also in meiner Selbstdarstellung oder in meiner Bio steht das, was bin ich? 
Ich bin gelernter Kunsthistoriker, abgebrochener Architekturhistoriker, gelernter Setzer, gelernter Drucker und dann hab ich mein Leben lang als Grafiker/Typograf gearbeitet, Schriften entworfen. 

Heute bin ich Autor, Drucker, Setzer, Grafiker, hab noch eine große Agentur, die über die Straße ist: Edenspiekermann, mit 120 Leuten weltweit. Also ich bin nur noch Minderheitenpartner und Aufsichtsrat. Hab hier diese Druckereiwerkstatt, die wir p98a nennen – ganz intelligent nach dem Ort, wo wir sind hier. Und da wollen wir in den nächsten Jahren das Digitale mit dem Analogen wieder verbinden. Wir sind keine Bilderstürmer, finden digitale Arbeiten total cool, aber finden analog arbeiten auch total cool. Und beides zu verbinden, dass ist hier die Aufgabe der nächsten Jahre.

Erinnerst du dich an dein erstes Erlebnis mit Design?
Ja! Doch. Und ich hab es wahrscheinlich jahrelang vergraben. Es ist mir bei der Arbeit mit dem Buch wieder eingefallen. Ich muss so, weiß nicht, so zwölf, dreizehn gewesen sein. Und da war in der Hohenstraße eine Eisdiele. Und ich kam ja nun aus Bonn und hatte vorher in der Nähe von Hannover gewohnt, also war kein Design gewöhnt. Das war alles bei meinen Eltern relativ spießig, also normal. Und da weiß ich noch ... also erstmal: Das ganze Ding sah aus wie ein italienisches Café – was ich nicht kannte – aber das war ganz anders: Das waren Chrommöbel und es war alles unglaublich modern. Und ich weiß, ich hab die Speise- oder die Eiskarte genommen. Das war so ein schmales Ding. Und da waren die Headlines ganz fett. Das war die Schrift, die man bei twen kannte. So 'ne Schmalfette, gibt’s in kompakt oder irgendsowas. Also es war richtig gestaltet: “Eis”, “Kaffee”! Und da drunter war dann auch gesetzt – also es war designed. Es war eine Speisekarte, die war richtig gedruckt und gestaltet. Und die hat mich weggeschmiert: “Das kann ja nicht…!” 

Das war das erste Mal, wo ich gesagt hab: “Man kann Sachen auch gestalten.” Das muss nicht einfach so generisch aus der Küche kommen. Und das war ein Erlebnis. Also das weiß ich, dass sozusagen die Italiener mich sehr beeindruckt haben. Das ich da gelernt habe, dass es einen Unterschied gibt zwischen Sachen, die so gemacht werden und Sachen, die gestaltet werden absichtlich. Ist ja Design. Ist ja absichtliche Gestaltung.

Wann war dir klar dass du Designer werden willst?
Mmmhhh. Ich überlege gerade. Das mit dem Journalisten ist nichts draus geworden – weil, dann bin ich nach England und hab dann relativ früh geheiratet und relativ früh ein Kind gekriegt. Das hat natürlich das beeinflusst. 

Also ich war an der Uni, war aber schon Vater. Ich hab früh angefangen, Druckmaschinen zu sammeln in Berlin. Da wurde alles weggeschmissen in den 60er Jahren. Und ich hatte immer diese kleine Druckerei irgendwie. Hab immer so rumgemacht. Also ich wollte eigentlich in London mich als Drucker etablieren und so für Künstler arbeiten. Dann ist die Druckerei abgebrannt und dann bin ich Grafiker geworden. Im Grunde ist also ein Drucker ohne Maschine ein Grafiker. Da hatte ich einen Bleistift und ein Blatt Papier, dann hab ich halt, statt zu drucken, skizziert. Und dann war die Entscheidung gefallen, aber es war keine Absicht.

Das war sozusagen der Drucker ohne Werkzeug,  denn der Grafiker (damals) brauchte nicht mehr als ein Hirn und zwei Augen und ein Blatt Papier und einen Bleistift.

Dein bisher stärkster Moment im Job?
Es gibt ein Projekt, was ich nach wie vor toll finde, weil das einfach nur ein Mal im Leben vorkommt. Als hier die Stadt wiedervereinigt wurde und wir dann das Leitsystem für die BVG gemacht haben. Das ist natürlich... Ich meine die Wiedervereinigung, die wird’s nicht nochmal geben. Und ich hatte ja bei der BVG jahrelang mich bemüht, weil das doch scheiße war damals im Westen, damals in Berlin. Und die haben mich aber rausgeschmissen und dann kamen sie eines Tages angekrochen – Anfang 90, glaub ich im April, und haben mich gebeten, ob ich doch  nicht eventuell überlegen könnte vielleicht doch für sie… Weil da gab’s zwei Berlins plötzlich mit zwei völlig verschiedenen Systemen, keiner kannte sich aus. Die brauchten also dringend was Neues. 

Es ging nicht um Corporate Design, sondern nur um das Leitsystem für die Fahrgäste. Und dann hab ich gesagt: “Naja, ach Gott – könnte ich mal drüber nachdenken.” War natürlich völlig geil drauf. Und das haben wir dann gemacht vier Jahre lang. Und das funktioniert ja heute noch. Es ist ein bisschen in die Jahre gekommen – nach 25 Jahren kein Wunder. Aber das ist schon toll, dass in der eigenen Stadt, in der ich lebe, in der ich mich gut auskenne, wenn ich also praktisch jeden Tag Bus oder U-Bahn fahre meine Arbeit sehe und die Arbeit nicht ganz scheiße ist. Also wenn man bedenkt, was das vorher war, dann ist das richtig gut, was wir gemacht haben.

Es kann noch besser sein und besser werden. Aber das ist halt der normative Zwang des Faktischen. Sowas während des Betriebes zu machen, mit einem Auftraggeber, der natürlich überhaupt keinen Sinn für Gestaltung hat. Dafür haben wir ziemlich viel erreicht und da bin ich schon ziemlich Stolz drauf. Und das ist einfach auch ein Glücksmoment. Also ich war am richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Das passiert im Leben nicht hundertmal.

Woher nimmst du deine Inspiration?
Überall her… Lorem Ipsum dolor sit amet. Es ist schon, also ich weiß es ganz sicher. Es gibt ja Technik und Methoden. Ich weiß – ich bin immer schon, da hab ich als Kind immer schon meine Eltern und meine Lehrer verrückt gemacht – ich bin unglaublich neugierig. Ich will immer alles wissen. Mein Sohn ist übrigens ganz genauso. Wir gucken immer stundenlang, früher noch, immer im Brockhaus. Wenn ich mit meinem Sohn früher gesessen habe, dann war abends immer der Tisch voll mit 24 Bänden Brockhaus, weil man kommt ja vom Einen ins Andere.

Heute geht’s in Wikipedia oder sonstwie rum. Ich kann es nicht leiden, wenn ich was nicht weiß. Das heißt nicht, dass ich alles weiß und ich vergess auch wieder, aber ich will immer alles wissen. Und ich guck sofort nach oder frag sofort. Und diese Neugier glaub ich hat mich auch in diesen Beruf getrieben. Weil ich hab natürlich im Laufe der Jahrzehnte mit Auftraggebern aus fast allen Branchen gearbeitet. Also der Chemie hab ich schon alles gemacht. Versicherungen und Banken und Auto und Druckmaschinenhersteller, Farbhersteller, alles was es so eigentlich gibt im Leben.

Und man lernt ja immer ein bisschen was von denen und ich weiß von allem ein bisschen was. Immer ein bisschen nur. Und dieses unglaublich breite Wissen, was wir uns aneignen, auch wenn es nicht sehr tief geht – tief geht bei mir dann nur die Typografie und der Schriftentwurf – also das ist so dieses T-Modell: Ich weiß von Allem ein bisschen was, eine Sache weiß ich richtig viel. Das gibt das Selbstvertrauen und der Rest heißt: Es ist unglaublich interessant. Jedesmal wenn ein Auftraggeber kommt aus einer neuen Branche lerne ich ja was. Ich muss ja deren Geschäft kennenlernen, zumindest ein wenig. Und das sind so die Geschichten, die mich am Leben halten. Ich glaube das ist auch meine Inspiration. Und deswegen kann man eigentlich sagen: Das Leben an sich.

Blind zu werden wär für mich die Hölle, weil ich bin unglaublich visuell orientiert. Ich muss alles sehen und wissen und nachgucken und auswendiglernen. 
 

Ein paar Worte an zukünftige Designer?
Aufträge kommen ja nicht aus den gelben Seiten oder weil man Kaltakquise macht. Man kennt Leute, die Leute kennen, die Leute kennen, die Leute kennen. Manche Auftraggeber waren Studenten und kommen 20 Jahre später wieder. Ich habe gelernt, dass man alle Leute ordentlich behandeln muss, wenn’s keine Arschlöcher sind und dass das irgendwann zurückkommt. Entweder als Karmapunkte oder als Auftrag oder wie auch immer. Und das ist eigentlich das, was mir am meisten Spaß macht. Das kann ich auch am Besten.

Und wir werden ja nach unserer Arbeit beurteilt, nicht nach unserem guten Willen. Ich kann nicht sagen: “Ja, ich hätte ja gerne noch und es war kein Budget oder keine Zeit.” Das interessiert keinen Arsch. Deine Arbeit ist deine Arbeit.

Und wenn du den Film versaust, dann hast du den Film versaut. Kannste nicht sagen: “Ja ich hatte kein Material und der Auftraggeber ist doof und der Regisseur war ein Idiot.” Das interessiert Keinen. 

Es ist deine Arbeit und danach wirst du beurteilt – und das müssen Grafiker auch mal lernen oder Leute wie wir, die Sachen gestalten, die nachher von anderen Leuten konsumiert werden. Wir haben alle tausend Entschuldigungen: Das Budget reicht nie, es ist nie genug Zeit und die meisten Auftraggeber wissen nicht wovon sie reden. Aber wenn wir mitmachen, müssen wir mitmachen. Der Appell an alle angehenden Designer: Sehr viel lesen, neugierig sein und möglichst viel lernen.