andere Kreative

Bazon Brock, Künstler & Kulturkritiker

Bazon Brock, "Denker im Dienst und Künstler ohne Werk", blickt auf seine 60 Jahre lange Karriere zurück und teilt die wichtigsten Erkenntnisse zu seinem Schaffen, seiner Inspiration und der Zukunft der Kunst

Also ich bin jetzt 50 Jahre Profi. Vor 60 Jahren erschien mein erstes Buch. Dann musste man noch ein bisschen aufbauen. Aber wir können sagen 60 Jahre lang in der Öffentlichkeit tätig. Da kann man schon eine Summe ziehen. 50 Jahre war ich an Universitäten tätig. Hab auch alles andere gemacht. Filme, Ausstellungen, Bücher in Massen und so fort.

Heute ist jeder Hausmeister kreativ. Jeder Depp, der Kunst macht, nennt sich kreativ, hat keine Ahnung mehr, was das theologisch bedeutet. Dass der einzige Gott, den wir kennen, nämlich der jüdisch, christlich, muslimische, ein Schöpfergott war. Was alle anderen Kulturen ja nicht kennen. Auch die Griechen nicht und die Römer nicht oder was immer sie anziehen wollen. Ist dann also wirklich die entscheidende Frage: “Wie kann man diese Durchdringung aller Bereiche der Gesellschaft, siehe Begriff kreativ, durch die Theologie fruchtbar werden lassen?” Da sehe ich eine Möglichkeit sich sinnvoll zu beschäftigen.

Sie sind sowieso alle Leichen mit 40. Dann haben sie rumgebastelt. Erst konnten sie noch ihre jugendliche Neugierde in der Bewegung und Bearbeitung elektronischer Medien einsetzen. Aber mit 25 ist man heute als Medienprofi erledigt, weil die nachwachsenden Jüngeren noch viel besser sind. Da haben sie gar keine Chance. Weder bei Agenturen noch sonstwo. Und mit 50, spätestens mit 40 sind alle Leichen. Die haben dann zwar irgendwann mal einer gestylten Frau bei einem arrangierten kleinen Häppchen mit Sektschwenkereien auf den Busen gucken können. Aber das als Summe des Lebens ist nun wirklich nicht sehr verlockend.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Erlebnis mit Kunst?
Mein erstes Erlebnis habe ich auch zufällig bis heute bewahren können. Es ging darum, dass wir als Kinder nach vier Jahren Lagerhaft 1949 in einer Art von allgemeiner humanistischer Betreuungsgeste von guten Tanten veranlasst wurden, durch kneten von Lehmmaterial, und weiß der Teufel, was da alles drin war, zum Ausdruck zu bringen, wie wir uns fühlen. Und in dem Band da hinten können sie das abfotografieren. Da haben sie die Skulptur. Die hab ich 
heute noch. Das war mein erstes Erlebnis mit Kunst und ich selber sollte ausdrücken, wie ich mich fühle nach so vielen Jahren Krieg.

Was wollten Sie als Kind werden?
Nein, ich hatte schon die Vorbereitung getroffen, um Pilot zu werden, bei der Lufthansa. Wurde dann aber in Bremen aus der Vorbereitung oder aus der Testphase herausgeholt, von Lehrern, die gesagt haben: “Zurück. Du wirst Philosoph.” Schluss aus. Das ergab sich von selbst, weil ich ja schon mit 23 Chefdramaturg wurde unter Gnekow in Luzern. Und unter Betreuung so wichtiger Festspielpersönlichkeiten, wie Käthe Gold und Therese Giehse. Mit denen habe ich mich dann inszenatorisch oder auch schauspielerisch intensiv reinziehen lassen in die Arbeit am Theater. Und damit war… mit 23 da gibt’s nicht viel zu überlegen. Und dann ergab sich daraus, dass man mit Brecht konfrontiert wurde, mit den modernen Arbeiten im Theater als Erkenntnismittel, dass ich versucht habe das Ganze zu theoretisieren. Von den russischen Reformatoren der zwanziger Jahre bis über Brecht in die Gegenwart. Piscator natürlich als Deutscher Hauptbeteiligter. Und das hieß, ich musste selber lehren, inwiefern das theatralische Darstellen ein Weg zur Gewinnung von Erkenntnissen sei. Und damit fing ich dann mit 29 meine erste Professur in Hamburg an. War schon wieder alles festgelegt. Es gab also kaum je Freiheiten.

Der bisher stärkste Moment in Ihrem Schaffen?
Es gibt eigentlich nur einen einzigen positiven Moment, der immer gleich geblieben ist. Wenn man einen Vortrag mit ziemlich anspruchsvoller Organisation, allein zeitlich schon sehr lang, aber vor allen Dingen von den inhaltlichen Vorgaben und dem Aufbau her, vor Leuten hält, die man nicht kennt und dann merkt, dass so nach einer dreiviertel Stunde in deren Augen plötzlich was passiert. Man sieht sozusagen den Glanz in den Augen der Rezipienten. Dann weiß man, dass man was erreicht hat.

 

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Frage: Was inspiriert? Also zum Beispiel was ist Erfahrung im Hinblick auf den Umgang mit den Herausforderungen. Wie gesagt der Markt ist keine Herausforderung, weil das ist ein Gerichtsurteil, das gefällt wird. Es gibt auch keine Diskussionen mehr im Bereich der künstlerischen Arbeiten. Es zählt nur das Kriterium des Markterfolges. Dann kann man sagen, die Inspirationen muss man sich aus ganz anderen Bereichen holen. In der Kunst gibt es heute keine Inspiration mehr. Gute Sammler, wie hier in Berlin Herr Boros, zeigen was gegenwärtig der Fall ist und sagen nicht etwa: “Ich zeig euch jetzt die große Kunst, die ich sammle.” Sondern: “Ich zeig euch, was heute der Fall ist.” Es ist nämlich nicht der Rede wert. Das sieht man an der Biennale in Athen. Null, aber auch wirklich buchstäblich null von irgendeiner Interessantheit oder Angeregtheit. Selbst für ein normales Sekthäppchen-Publikum gibt’s da nichts. Documenta in Kassel. Wir haben’s ja noch nicht gesehen. Aber von der Anlage her ist das auch völlig inspirationslos. Banalste Eventkitscherei. Ich würde sagen Eventmanagement auf der Ebene von Schuhsohlenverkauf ist immer noch interessanter, als Eventmanagement auf der Ebene von Kunstaktionen, wie documenta oder Biennale.

Gibt es beruflich etwas, an dem Sie fast verzweifelt wären?
Dass man vielen Leuten vieles schon seit zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Jahren sagt, was ihnen auch einleuchtete und was sie auch verstanden haben. Was gut unterfüttert ist und im wissenschaftlichen Sinn auch verbindlich ist. Und trotzdem hat das das Verhalten der Menschen nicht verändert. Also zum Beispiel die Verzweiflung, dass alle einsehen, wie unangenehm selbstschädigend bestimmte Gewohnheiten sind z.B. das Rauchen oder Saufen oder Hasch nehmen, dass die Einsicht aber nicht dazu führt, dass die Betreffenden sich ihrer Einsicht gemäß auch verhalten. Oder, dass alle Welt heute über die ökologischen Notwendigkeiten der Einsparung von Emissionen schädlicher Art reden und auch alle zustimmen und alle dafür sind, aber objektiv sich nichts ereignet. Da kann man dann sagen, gut es ist schade um den Menschen, aber wohl nicht zu ändern.

Ein paar Worte an zukünftige Künstler:
Dann würde ich sagen, jungen Leuten die heute an die Kunsthochschule gehen, kann man nur eine Botschaft vernünftigerweise mitgeben und die heißt: “Lassen Sie sich nicht verführen durch das banale Geschwätz von der Kunst.” Denn was da heute gesagt wird in den Katalogen der Galerien oder der Ausstellungsmacher ist reiner Humbug. Wenn sie zur Hochschule gehen sehen sie zu, dass sie genügend Gründe finden, sich nicht auf diesen Schwindel einzulassen. Das wäre meine Summe der Erfahrungen. Eine Hochschule ist dafür da, um junge begabte Leute zu überzeugen, dass sie es sein lassen sollen, sich in diesem Metier verschleißen zu lassen, ohne irgendeine Aussicht auf einen Rest von Vernunft im Gesellschaftlichen, Politischen, Ökonomischen. Machen sie alles andere. Das ist immerhin besser, als das was sie heute im Kunstgeschehen machen könnten. Das heißt, den Affereien des Kunstmarktes nachzulaufen. Und das einzige Kriterium, das sie heute für Kunst kennen, nämlich der Markterfolg, können sie ja innerhalb von zehn Sekunden auswendig lernen. Da brauchen sie keine Hochschule für. Da brauchen sie gar nichts. Große Kunst ist, was über eine Millionen kostet. Größere Kunst ist, was über zehn Millionen kostet. Ganz große Kunst ist, was über vierzig Millionen kostet. Und alles, was da drunter ist, ist miserabel. Schluss aus. Mehr gibt’s heute nicht zu sagen. Deswegen sollen die jungen Leute es sein lassen, sich auf diesen Affentanz einzulassen.

Web: www.denkerei-berlin.de